Der Rentenmarkt – eine grundlegende Betrachtung

Von Wolfgang Szalek

Anleger verbringen täglich viel Zeit mit der Beobachtung der Aktienmärkte.
Doch sind es in diesen Wochen und Monaten die Aktienmärkte von denen die größten Gefahren ausgehen? Ich meine nicht. Für mich ist es der Rentenmarkt, der maßgeblich die Richtung für den gesamten Kapitalmarkt vorgibt.
… Und dieser Markt (insbesondere der Markt der Staatsanleihen) ist fest in der Hand der traditionellen Industriestaaten. Von dem gigantischen Marktvolumen von über 65 Billionen Dollar (Jahr 2008) entfallen ca. die Hälfte auf die USA, der Rest verteilt sich größtenteils auf GB, Japan und Deutschland. Daher sind m.E. gerade die Entwicklungen in den USA für zukünftige Prognosen so wichtig.

Auch wenn wir uns über die Wirtschaftsentwicklung und die Stabilisierung des Finanzsektors in Deutschland freuen und große Hoffnungen bezüglich der etablierten „Emerging Markets“ haben, entscheidend sind die Entwicklungen in den traditionellen Industriestaaten.
Im Jahresausblick 2010 für meine Kunden habe ich den Bruch des langjährigen  Aufwärtstrends bei Anleihen als mögliches Szenario beschrieben. Obwohl bis dato die Befürchtungen nicht Realität geworden sind, sollten die Anleger diesen Markt fest im Auge haben!  (EURO-Bund – Future (DE0009652644)
Das die Rentenmärkte oft nicht im Focus der Privatanleger sind, hat sicherlich auch mit der Komplexität dieser Märkte und fehlenden Kenntnissen der grundlegenden Beurteilungskriterien zu tun.
Für die Beschreibung des Zustandes der Anleihemärkte sind u.a. folgende Sachverhalte hilfreich: Der Zins in Abhängigkeit der Laufzeiten der Rentenanlagen, die Entwicklung der Kurse und Renditen, die Bewertungen der Ratingagenturen und die internationalen Devisenmärkte.
Nehmen wir als Beispiel eine Bundesanleihe. Sie hat eine feste Laufzeit, garantiert eine jährliche Verzinsung und zum Laufzeitende eine hundertprozentige  Rückzahlung des investierten Kapitals.
Während der zehnjährigen Laufzeit verschwindet jedoch die Anleihe nicht vom Markt, sondern wird an den Börsen gehandelt. Steigen die Kurse und der Anleger verkauft, hat er einen Kursgewinn realisiert, fallen die Kurse und der Investor muss verkaufen, erleidet er einen Verlust. Kursschwankungen  liegen Veränderungen der Anlegererwartungen und das  reale Marktgeschehen zu Grunde.
Eine entscheidende Rolle spielt das aktuelle und das prognostizierte Zinsniveau..
Bundesanleihen werden eigentlich mit marktkonformen Zinsen aufgelegt. Einerseits will der Schuldner die Bundesrepublik Deutschland so wenig wie möglich Zinsen auf das geliehene Geld  zahlen, andererseits muss der Zins hoch genug sein, damit Geldverleiher (der Anleger) eine angemessene Vergütung – einschließlich Risikoprämie erhält.

Was passiert, wenn während der Laufzeit einer Bundesanleihe die Zinsen steigen?
Potentielle Anleger werden natürlich die Anleihen kaufen, die diesen höheren Zins zahlen.
Laufende Anleihen mit niedrigeren Zinsen werden nur dann erworben, wenn der Verkäufer bereit ist beim Verkaufspreis einen Abschlag (Kursabschlag) zu gewähren.
Der Käfer einer „laufenden“ Anleihe erhält für die Restlaufzeit einen jährlichen Zinskupon  und realisiert bei Rückzahlung der Anleihe ( Rückzahlung zu 100%)  einen Gewinn in Höhe der Differenz des Rückzahlungskurses zum niedrigeren Kaufkurs.
Ausgewiesen wird dieser „Ertrag“ der Anleihe in der Kennzahl Anleiherendite, deren Berechnung und Interpretation ich in der nächsten Folge darstelle.
Nur soviel vorweg: In Zeiten fallender Zinsen – aktuelles Umfeld- müssen sich die Anleger entweder mit „neuen“ Anleihen mit niedrigeren Zinsen abfinden oder sie suchen  laufende Anleihen mit höherer Verzinsung. Anleger sind jedoch nur dann bereit solche Anleihen zu verkaufen, wenn der Käufer bereit ist einen höheren Preis für solche Anleihen zu zahlen. Die Folge ist, die Kurse der am Markt verfügbaren Anleihen mit höherer Verzinsung steigen und diese „Preissteigerungen“ sorgen dafür, dass die Rendite für den Anlagekäufer sinkt. Dieses Szenario spielt derzeit der Rentenmarkt.

…. Und das ist kein gutes Zeichen! Anleger decken sich langfristig mit vermeintlich sicheren Staatspapieren ein und geben sich mit historisch niedrigen Verzinsungen zu frieden. Dahinter verbirgt sich die Angst vor Rezession und Deflation (beide Begriffe beschreibe ich in meiner nächsten Folge). Geht diese Wette am Rentenmarkt nicht auf, sitzen die Anleger auf Anleihen
mit erheblichen Verlustpotential!


Aktualisiert am 11. Mai 2011